X-Men Dark Phoenix und das Ende der Gruppe X

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X-Men: Dark Phoenix läuft bereits seit einigen Wochen in den Kinos. Und das mit mäßigem Erfolg. Die zweite Interpretation der gefeierten Vorlage enttäuscht an den Kinokassen und bei den Fans. Der einst so schillernde Star der Superheldenszene ist endgültig verglüht. Zeit für einen Rückblick.

Man mag es sich heute kaum vorstellen, aber es gab eine Zeit, da fristeten Superheldenverfilmungen ein Nischendasein. Sie wurden von Hollywood eher belächelt und stellten für die Studios ein gravierendes Risiko dar. Es waren andere Zeiten, weit vor Iron Man, Thor und Co. Lange vor den Avengers und anderen hochpolierten Gelddruckmaschinen, wie etwa den letzten Streich des Marvel Cinematic Universe: Avengers: Endgame.

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Um dir ein Bild davon zu machen, in welchem Umfeld die X-Men das Licht der (Kino-)Welt erblickten, muss man etwas weiter zurückschauen. Natürlich gab es Verfilmungen von Comicvorlagen, die mehr oder weniger als solche erkennbar waren. Manche besser, andere weniger gut. Und wieder andere… Nunja, es gab bereits in den 90er Jahren einen Nick Fury, der von David Hasselhoff gespielt wurde. Oder aber einen unerträglich furchtbaren Captain America, der heute bestenfalls als Trash-Perle herhalten kann.
Wie gesagt, sie wurden von Hollywood belächelt und das vermutlich zu Recht. Zur gleichen Zeit versuchten sich einige Studios an dunkleren Helden, wie Spawn oder Blade. Der raue Vampirjäger, verkörpert von Wesley Snipes, einem der großen Namen der 80er und 90er Jahren, wurde ein kleines Erfolgswunder und zog noch 2 Fortsetzungen nach sich. Bereits 1989 mordete sich Dolph Lundgren als Punisher durch die New Yorker Unterwelt. Mit mäßigem Erfolg. Es war ein wüste Zeit.
Die einhellige Meinung: Comics sind kein Massenmarkt und es sollten noch ein paar Jahre vergehen, bis sich daran etwas ändern sollte.

Dies geschah dann im Jahr 2000 als der Grundstein für Superheldenfilme, wie sie heute in aller Munde sind, gelegt wurde. X-Men von 20th Century Fox unter der kreativen Leitung von Bryan Singer startete in den Kinos. Ein kluger Schachzug, denn die Gruppe X, wie sie in den Comics eine Zeit lang genannt wurden, befanden sich da auf dem Zenit ihrer Popularität. Nicht zuletzt Dank Autorenlegende Chris Claremont, Deadpool-Schöpfer Rob Liefeld und der bis heute beliebten Animationsserie.

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Die wichtigsten Mutanten der animierten X-Men Serie

Alleine der Cast war sagenhaft. Ian McKellen als Magneto, Patrick Steward als Charles Xavier, Halle Berry als Storm und natürlich Hugh Jackman in der Rolle, die er noch 17 weitere Jahre spielen sollte. Dem grimmigen Wolverine. Er prägte die Figur derartig, dass es bis heute viele Leute gibt, die keine Ahnung davon haben, dass der kanadische Mutant mit den Agressionsproblemen eigentlich eine 1,60m große Kampfkugel ist, die optisch kaum Gemeinsamkeiten mit dem hochgewachsenen Australier aufweist. Und dies ist nur eine der vielen Abweichungen von der Vorlage.

X-Men war derart erfolgreich, dass er noch 2 Fortsetzungen, eine Spin-off-Trilogie und eine Prequel-Quadrilogie nach sich zog, die nun mit Dark Phoenix ihr Ende findet. Bryan Singer, der inzwischen bei vielen Comicfans für seinen Umgang mit dem Thema Comics berüchtigt ist, hat als kreative Leitung etwas vollbracht, was ihm heute niemand mehr zurechnen möchte. Er brachte den Superheldenfilm in den Mainstream und zusammen mit der Spider-Man Trilogie von Sam Raimi ebnete er den Weg für das Marvel Cinematic Universe. Und das auf mehr als eine Weise.

Der Verlag Marvel verkaufte die Filmrechte unzähliger Superhelden in den 90er Jahren um einer Insolvenz zu entgehen. Damals war das Haus der Ideen der Auffassung, es wäre nicht rentabel, Filme basierend auf Comichelden zu produzieren. Wie falsch sie doch lagen.
Während Fox ganz ordentlich an den Mutanten verdiente, verbannte Marvel sie in den Comics an den Rand und ersetze sie klammheimlich durch die ähnlich funktionierenden Inhumans. Sehr zum Leidwesen der Fans.

Die Filme des X.-Men Universums hingegen entfremdeten sich zunehmend von den Vorlagen und wurden beinahe von grundauf neu interpretiert, wie etwa Mystique, die nie eine Freundin von Professor X war. Aber Bryan Singer verbannte alle Comics vom Set um seine Version nicht zu verwässern. Dies gefiel zwar den Fans der Vorlage nicht, machte die X-Men aber zugänglicher für die Massen.
Doch eine Sache lässt sich leider nicht von der Hand weisen: Es fehlte die große Vision. Zwar hängen die Filme alle irgendwie zusammen, doch ergeben sie kein stimmiges Gesamtbild und die Timeline ist eine derartige Katastrophe, das selbst Deadpool darüber Witze machte.

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Und was bleibt jetzt nach 10 Filmen innerhalb von 19 Jahren? Ein ganz fahler Beigeschmack und die Frage, wäre da nicht mehr drin gewesen? Ein Blick in die hochgelobten Vorlagen offenbart, dass die X-Men vor Allem für eine Sache stehen: Sozialkritik.
Die Geschichten der Mutanten drehen sich im Kern um Faschismus, Ausgrenzung, Vorurteile und zwischenmenschliche Konflikte. Alles Themen, die weitestgehend ohne Action und Bombast auskommen. Und während Singers erste Werke dies noch versuchten aufzugreifen, blieben sie hinten raus, komplett auf der Ersatzbank und wurden zugunsten von Krawall und Schauwerten vernachlässigt. So lässt sich dann auch der Bogen zum vorerst letzten Film des X-Verse spannen. Die Dark Phoenix Saga zog ihre Faszination aus der langsamen und ruhigen Entwicklung, den leisen und emotionalen Momenten. Die Action innerhalb des Comics ist fast auf Null gedreht. Es geht um Angst, Selbstzweifel, Familie, Liebe und die Frage, was man bereit ist zu tun, wenn es darauf ankommt. Kaum etwas ist davon im Film zu merken, was nicht daran liegt, dass es nicht vorkommt. Es mangelt nur an Beziehung zwischen Zuschauer und Figur.
Liebesgeschichten werden nicht entwickelt, sondern sind einfach da. Ebenso die Verbandelung diverser Figuren zueinander. Charakterentwicklung ist hier das Stichwort und genau das fehlt mir enorm. Man sollte meinen, dass der vierte Film in einer fortlaufenden Kontinuität dies angedeutet haben sollte , aber weit gefehlt. Und so lassen mich Tode von Figuren komplett kalt, ich habe kein Verständnis für so manche Handlung und am Ende bleibt nur ein Gedanke: Schade!

© 20th Century Fox/ Marvel Comics

Nun liegt es an Kevin Feige, den Mutanten wieder zu altem Ruhm zu verhelfen und sie vorlagengetreu zu gestalten. In Interviews verriet er bereits, dass es aktuell keine konkreten Pläne dafür gebe und man vor 2025 nicht mit einem Auftritt der Homo Superior im MCU rechnen solle. Was aus den angekündigten Filmen wie dem Running Gag Gambit, Multiple Man, X-Force und dem im Limbus versauernden New Mutants wird, bleibt abzuwarten.