Das MCU – Fluch oder Segen?

© Marvel Studios

Ein Captain Comix – Gastbeitrag

Nicht erst seit dem ersten Iron Man-Film 2008, der als Grundstein des Marvel Cinematic Universe (MCU) gilt, streiten sich Comic-Fans darum, ob die filmischen Adaptionen der bebilderten Geschichten adäquat umgesetzt wurden oder ob man zu weit von der Vorlage abgewichen ist. Das selbe kennt man übrigens auch bei herkömmlichen Buchadaptionen wie Harry Potter. Die Filme für sich sind klasse, doch Fans der Lektüre vermissen viele ihrer liebsten Szenen und sind daher häufig enttäuscht, wenn sie die Kinosäle verlassen.

Bei den Kinoadaptionen von Superheldencomics ergeht es vielen Fans der Hefte ebenso wie den Bücherfreunden, doch muss man hier einen Unterschied hervorheben, der den direkten Vergleich zu einem gewissen Grad aushebelt: Marvel-Comics umfassen eine seit Dekaden wachsende und wechselnde, zusammenhängende Geschichte mit etlichen unterschiedlichen Realitäten, in denen quasi alles möglich ist, zum Kanon gehört und sich trotzdem nicht mit der Haupthandlung beißt; Bücher haben dies in der Regel nicht.

Dieses unglaublich komplexe und über Jahre hinweg aufgebaute Universum der Comics ist es nämlich, das es so verdammt schwierig macht, alle Herkunftsgeschichten und Zusammenhänge analog der Vorlage auf die Leinwand zu zimmern. Denn was es an Vorwissen und Zusatzinformationen bedürfte, um auch Genrefremden den Durchblick zu ermöglichen, ist quasi nicht realisierbar – und mit 1000 informierten Nerds lässt sich so ein Blockbuster eben nicht refinanzieren.

Vielmehr sollte man das MCU als eine alternative Realität sehen – ähnlich dem Universum der Ultimates einst – und sich über Parallelen zu den Comics genauso freuen wie über Dinge, die neu miteinander verknüpft wurden. So erschuf im MCU Tony Stark den Schurken Ultron, während es in den Comics Hank Pym war, doch warum sollte man sich darüber aufregen? Die Filme bilden ein eigenes, an die Comics angelehntes Universum, genauso wie das Ultimate Universe seiner Zeit angelehnt an das 616-Universe geschaffen wurde – und trotz des Umstands, dass Miles Morales und nicht Peter Parker Spider-Man war, waren die Ultimates extrem beliebt.

© Ultimate Alliance

Es scheint in den Genen verwurzelt zu sein, dass man sich über alles aufregt, das vom Gewohnten abweicht. So ist dieser Unmut gegenüber inhaltlichen Abweichungen der Filme zu den Comics ebenso allgegenwärtig wie die Diskussion darüber, wie schlecht die neuen Star Wars-Filme im Vergleich zu den Originalteilen sind, oder wie schlimm es ist, dass die neue Star Trek-Serie mehr auf Action als auf Erkundung setzt. Am Ende ist es jedoch auch bei Comics und Filmen wie mit allem anderen in der realen Welt: Es herrscht ein ständiger Wandel, dem wir uns beugen müssen. Stillstand hat noch nie lange Erfolg versprochen und so wie sich die Charaktere in den Comics seit Dekaden verändert haben, so tun sie es eben auch beim Sprung auf die Leinwand; und wer glaubt, es brächte ihm die absolute Genugtuung, altbekannte Geschichten 1:1 übersetzt in einem Film zu sehen, der würde selbst bei dessen Sichtung einer gewissen Enttäuschung erliegen. Denn was wir uns in unseren Köpfen vorstellen und was letztendlich bei einer solchen Umsetzung herauskommt, sind immer noch zwei verschiedene Paar Schuhe.

Ich für meinen Teil kann sagen, dass mir die Filme des MCU bisher in der Regel gut gefallen haben, weil ich Spaß am Entdecken der vielen Comic-Analogien hatte, mich aber auch auf Wendungen, die ich aus den Comics nicht kannte, freuen durfte. Manches ist sicherlich stark vereinfacht, doch alles in allem wurden viele Dinge aus den Comics übernommen und die, die abgewandelt wurden, passen gut zum Drumherum. Abschließend bleibt also meine Empfehlung, Ruhe zu bewahren, sich über das Gesehene zu freuen und auf die ständigen Vergleiche zu verzichten.

Dies war ein Gastbeitrag unseres geschätzten Kollegen Captain Comix, der sich sicherlich auch über einen Link auf seiner Facebookseite freut. 

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